Spieltheorie (3940) 25-09-17 01:59

Was ist Spieltheorie?

Grundbaustein der Sozialwissenschaften

Die Spieltheorie ist ein Grundbaustein der Sozialwissenschaften. Konflikt und Kooperation werden in mathematischen Modellen unter einer einfachen Annahme erfasst: dass Entscheider – seien es Personen, Firmen oder Länder – Einschätzungen über die relativen Häufigkeiten von Ereignissen in ihrer Umgebung bilden und, unter Berücksichtigung ihrer individuellen Präferenzen, auf Anreize reagieren. Dieser Ansatz ist extrem effektiv und berührt unzählige Phänomene in den Sphären des Ökonomischen, des Sozialen, des Politischen und des Privaten: wenn Konsumenten Markenware kaufen, um ihren Status zu signalisieren, haben Firmen Anreize, in bestimmte Formen von Werbung zu investieren, möglicherweise auf Kosten von qualitätsverbessernden Investitionen; ein Arzt, der an einem gesetzlich versicherten Patienten weniger verdient, hat Anreize, Privatpatienten bevorzugt zu behandeln; da ein ungeduldiger Verhandlungspartner eher nachgeben wird als ein geduldiger, hat jeder Verhandlungspartner den Anreiz, geduldig zu erscheinen, und das bedeutet, dass in Verhandlungen oft der Schein trügt; Wähler haben den Anreiz, den meistgeschätzten Kandidaten nicht zu wählen, wenn sie glauben, dass dieser keine Gewinnchance hat, was bedeutet, dass der meistgeschätzte Kandidat unter Umständen die Wahl verliert; ein Politiker in einer Demokratie hat Anreize, dem aktuellen Wählerwillen zu folgen, auch wenn dies bedeutet, dass im politischen Wettbewerb langfristige Wohlfahrtsüberlegungen eine untergeordnete Rolle spielen. Die Liste der Beispiele könnte endlos fortgesetzt werden.

Praktisches Entscheidungswerkzeug

Ein gutes Verständnis von Spieltheorie ist wichtig für praktisches Entscheidungsverhalten und kann deshalb ein schlagkräftiges Werkzeug an jedem Arbeitsplatz sein. Gleichzeitig nützt die Spieltheorie all denjenigen, die Entscheidungsumfelder oder Institutionen strukturieren, um sinnvolle Anreize zu schaffen und gute Ergebnisse zu erzielen; das betrifft insbesondere Manager, Regulierungsbehörden, und Abgeordnete.

Junge Wissenschaft

Die Spieltheorie ist eine junge Wissenschaft. Sie ist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Viele Fragen werden im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs debattiert und neue Fragen werden stetig aufgeworfen. Ein Zweig der aktuellen Forschung fragt, in welchem Ausmaß Entscheider sich systematisch nicht-rational verhalten und inwiefern dies durch andere Entscheider ausgenutzt werden kann. Zum Beispiel könnten Firmen Anreize haben, die Wahrnehmung ihrer Kunden systematisch zu steuern oder deren kurzsichtiges Konsumverhalten auszunutzen.

Unsere Entscheidungsumfelder verändern sich ständig und manchmal dramatisch. Zum Beispiel hat sich durch die Entwicklung des Internets die Entstehung und Verteilung von Information umfassend verändert – Internetsuchmaschinen bilden Konsumentenprofile, Preisvergleichsportale und Kundenrezensionen erzeugen transparenten Wettbewerb, politische Revolutionen entstehen dezentral in sozialen Netzwerken. So sind neue Kooperationsmöglichkeiten entstanden, aber auch neue Konflikte, welche neue Strategien und Lösungen erfordern. Dabei sind spieltheoretische Modelle unverzichtbar.

Interessiert?

Spieltheoretische Methoden erstrecken sich über viele Kurse unseres Bachelorprogramms, und ein spezieller Kurs zur Spieltheorie wird regelmäßig angeboten. Für die oder den interessierten Laien ist Game Theory. A Very Short Introduction von Ken Binmore eine wunderbare Nachttischlektüre. Dieses nette Video ist eine Einführung für Schüler.